PAST - PRESENT - FUTURE
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FAKTUM FLAKTURM - zu den Beweggründen des Vereins

Ungeachtet der Tatsache, dass die sechs massiven Stahlbetonmonolithe – zwischen 1943 und 1945 im Nationalsozialismus als Flaktürme errichtet - in der Wiener Innenstadt markante städtebauliche Positionen einnehmen, fristen sie ihr Dasein seit Kriegsende fernab jeder gelebten Auseinandersetzung mit einem der dunkelsten Abschnitte der österreichischen Geschichte. Ausdruck für die seit der Moskauer Deklaration legitimierte „Opferthese“ Österreichs ist nicht zuletzt der Umstand, dass alle Wiener Flaktürme im Gegensatz zu den deutschen Exemplaren bis heute unkommentiert und bedenkenlos bestehen. Alle sechs Türme in Berlin und zwei von vier Türmen in Hamburg wurden in der Nachkriegszeit großteils noch von den Alliierten abgetragen. 1949 stellt das Österreichische Bundesministerium für Handel und Wiederaufbau fest, dass die „vom Deutschen Reich mit eigenem Material auf eigenem Grund errichteten Flaktürme nun notgedrungen von der Republik Österreich zu verwalten“ sind.

An der ablehnenden Grundhaltung gegenüber dem österreichischen Erbe des Nationalsozialismus hat sich gemessen am Umgang mit seinen baulichen Relikten bis heute wenig geändert. Kein Flakturm wird als das gekennzeichnet, was er tatsächlich ist: Mahnmal des nationalsozialistischen Vernichtungskrieges.

Gegenwärtig bestimmen wirtschaftliche Interessen, ihre vorhandene Substanz gewinnbringend zu nutzen, sowie Versuche, ihre als störend empfundene Erscheinung durch bezugsfreie Nutzungen und behübschende Umbauten zu kaschieren, die Beschäftigung mit den Flaktürmen. Dieses Konzept ist beim Leitturm im Esterhazypark mit dem „Haus des Meeres“ bereits aufgegangen und wird unermüdlich weiter ausgebaut. Der Gefechtsturm in der Stiftskaserne wurde als militärisches Objekt abseits der Öffentlichkeit dem Diskurs ebenfalls entzogen. Das Flakturmpaar im Augarten ist als Immobilienspekulationsobjekt unbefristet an eine private Datenfirma vermietet. Als erste bauliche Maßnahme wurden beim Gefechtsturm bereits umfangreiche Abbrucharbeiten vorgenommen, die das äußere Erscheinungsbild des denkmalgeschützten Baus stark beeinträchtigt haben. Das Museum für angewandte Kunst bemüht sich nach wie vor um eine teils künstlerische teils kommerzielle Nutzung des Gefechtsturms im Arenbergpark. Einzig der benachbarte Leitturm ist bisher von entsprechenden Nutzungskonzepten ausgenommen worden.

Anlässlich von Ausstellungen einer Gruppe von KünstlerInnen im Mai 2005, Juni 2006 und Dezember 2006 zeigte sich das Innere des Leitturms in seinem derzeitigen unverfälschten Verfallszustand und präsentierte gleichberechtigt zur ausgestellten Kunst die Momentaufnahme einer fast unberührten Struktur erstarrter, seit 62 Jahren unaufgearbeiteter Geschichte.

Aufgrund des großen Interesses, auf das die Öffnung des Flakturms im Arenbergpark bei Besuchern, Politikern wie Medien gestoßen war und des darin erkennbaren sowie von den mittlerweile beteiligten KünstlerInnen, HistorikerInnenn und ArchitektInnen getragenen Bedürfnisses nach einer interkulturellen und interdisziplinären historischen Aufarbeitung wurde der Verein ‚Faktum Flakturm’ gegründet.

Konzepte zur Kunst

Der Verein versteht Kunst als einen Weg, die durch den Flakturm erinnerten kriegerischen und tragischen Geschehnisse nicht didaktisch, sondern durch die Auseinandersetzung der Thematik durch KünstlerInnen direkt zu vermitteln. Er versteht Kunst als einen Versuch der Urbarmachung jener Umstände, die auch den gegenwärtig verdrängten historischen Diskurs abbilden, ohne den übermächtigen Duktus des schwierigen Erbes Österreichs zu vernachlässigen.

Das Projekt ‚Faktum Flakturm’ versteht sich als Experiment zu Fragen der Erinnerungskultur und Geschichtsvermittlung, es gibt KünstlerInnen und Kulturschaffenden Raum, sich an diesem historisch belasteten Ort positionieren zu können und ihn als einen Ort der Konzentration, der produktiven Auseinandersetzung und der Freiheit zu etablieren. Aus den gewonnenen Erfahrungen der bereits stattgefundenen Ausstellungen eröffnen sich neue Wege in der Belebung des Bezirks, der Ausstellungspraxis und somit der kulturellen Landschaft Österreichs.

‚Faktum Flakturm’ erachtet es als notwendig, dass vorerst zumindest einer der sechs Flaktürme in Wien eine Nutzung erhält, die im Kontext seiner Geschichte steht und diese Geschichte in interdisziplinärem Wechsel mit der Kunst erfahrbar macht. Ferner ist notwendig, dass dies jetzt geschieht, da das Zeitfenster, in dem Zeitzeugen noch von dieser Vergangenheit erzählen können, sich langsam schließt.

Konzepte zur Architektur

‚Faktum Flakturm’ setzt sich weiters zum Ziel, für einen denkmalgerechten Ablauf der Kunstausstellungen zu sorgen und langfristig ein Konzept zur Vermittlung der Geschichte des Turms aufzubauen. Es sollen Methoden gefunden werden, wie der vorgefundene transitorische Zustand des Flakturm-Innenlebens erhalten und kontinuierlich thematisiert und präsentiert werden kann. Die erforderlichen Sicherungsmaßnahmen sollen dabei mit den Anforderungen des Denkmalschutzes und den Qualitäten einer Unvermitteltheit des noch vorhandenen Originalzustands abgestimmt werden.

Das äußere Erscheinungsbild des Turms ist ebenso eines des Übergangs: Die Architektur der Flaktürme, die wir heute vorfinden, entspricht einer auf der Strecke gebliebenen Kriegsarchitektur, die eine geplante Umgestaltung in ideologischer Entsprechung zum „1000jährigen Reich“ nicht mehr erfahren hat. Das beim Anblick der vermeintlich modernen Stahlbetonarchitektur mitzudenken, kann ebenso zum Spielfeld künstlerischer Auseinandersetzung werden.

Es entspricht unserer Überzeugung, dass frontal-didaktische Vermittlungskonzepte gerade für die Periode des Nationalsozialismus wenig geeignet sind, da dieses Thema immer noch zu emotional belegt ist, als dass die Rezipienten sich gerne passiv belehren lassen würden. Frontale Vermittlungskonzepte provozieren geradezu dazu, die Inhalte gemeinsam mit den Vermittlungsmethoden anzuzweifeln. Gleichzeitig wird Geschichte häufig als etwas Statisches, als abgeschlossener Zustand der Vergangenheit angesehen.

Bei der Erkundung des Flakleitturms Arenbergpark haben wir die Geschichte dieses Ortes ganz im Gegensatz dazu als einen überraschend lebendigen Prozess erfahren. Die innerhalb des Gebäudes erkennbare Dynamik manifestiert sich insbesondere an den Geschichten, welche die Wände erzählen: Inschriften aus Kreide und Bleistift von Zwangsarbeitern, Offizieren und Schutzsuchenden sind erst heute entdeckter, zweifelsfreier Bestandteil der denkmalgeschützten Substanz.

Der Turm lässt sich also wie ein Text seiner eigenen Geschichte und der mit dieser Geschichte verbundenen Personen lesen. Eine besondere Herausforderung ist die Tatsache, dass der „Text” des Turms nicht seriell ist wie ein Buch oder eine Schautafel, sondern sich vielfach selbst überschreibt; so finden sich in ein und dem selben Stiegenhaus Wandinschriften der Zwangsarbeiter wie auch Kampfspuren von der Eroberung des Turms.

Ergänzend demonstrieren die im Turm gefundenen Objekte und Dokumente sowohl die Einbindung des Gebäudes in den nationalsozialistischen Zwangs- und Terrorstaat als auch die Zerstörung der Zivilgesellschaft und nicht zuletzt die erschreckende Banalität des Lebens im „totalen Krieg“.

Neben den überlieferten Erinnerungen der Generation unserer Großeltern sprechen die Inschriften im Turm auch von jenen an der Geschichte Beteiligten, deren Stimmen heute kaum noch zu uns finden. Menschen wurden nach Wien verschleppt und gegen ihren Willen ungeachtet ihres Alters und ihrer Eignung lediglich aufgrund religiöser, politischer oder nationaler Zugehörigkeit zur Arbeit auf den Flakturmbaustellen, bei den am Bau und Betrieb beteiligten Firmen sowie bei der Fliegerabwehr gezwungen. Verschärfte Zugangsbestimmungen zu Schutzräumen bei Bombenangriffen schlossen ab Winter 1944 Ausländer, also Fremd- und Zwangsarbeiter schließlich aus und setzten sie einer weiteren Gefahr aus. Ihr Ausschluss aus der damaligen Gesellschaft darf sich heute nicht im Ausschluss aus der Erinnerung fortsetzen.

Konzepte zur historischen Aufarbeitung

Im Zuge der kürzlich von der Stadt Wien angeordneten Räumung des Turmes, dessen bauliche Sicherung derzeit diskutiert wird, durch die zuvor ausstellenden Künstler kamen Dokumente und Gegenstände des zivilen und militärischen Alltags aus der letzten Phase des Krieges zutage. Diese Zeitdokumente versprechen wertvolle Hinweise in der historischen Aufarbeitung der Bau- und Nutzungsgeschichte der Flaktürme.

Bisher aufgrund mangelnder Akten nur unzureichend dokumentiert stellt der Einsatz von Zwangsarbeitern, Kriegsgefangenen und Häftlingen aus Konzentrationslagern auf den Flakturmbaustellen und bei der Fliegerabwehr ein wesentliches Kapitel der Bauten dar. Sie sind in ihrer baulichen Dimension nicht nur Ausdruck größenwahnsinniger wie unverhältnismäßiger Propaganda, sondern auch Relikte eines noch unüberschaubaren und nahezu gänzlich unerforschten Lagersystems mitten in Wien. Der anstehenden Aufarbeitung muss gelingen, dass beim Anblick der überaus präsenten singulären Stahlbetonarchitektur die unzähligen verschwundenen Baracken der Arbeiterlager mitgedacht werden. So empfinden wir es als unmöglich, etwa von der vielbewunderten Aussicht von den Plattformen der Flaktürme zu profitieren, ohne das menschenverachtende nationalsozialistische Vernichtungssystem als Bestandteil dieser Bauten zu vermitteln.

Dieser wesentliche Aspekt wird durch die kommerzielle Nutzung heute verleugnet und verhöhnt. Die unbekannten Opfer werden ein zweites Mal mit den Mitteln unserer gegenwärtigen Gesellschaft verdrängt und die geschönte Geschichte vom „sauberen“ Krieg der Deutschen Wehrmacht fortgeschrieben. ‚Faktum Flakturm’ wendet sich gegen revisionistische Geschichtsbilder und fordert einen verantwortungsvollen Umgang mit diesem schrecklichsten Kapitel der Wiener Stadtgeschichte.

Essentiell ist für ‚Faktum Flakturm’ weiterhin die Bespielung des Turmes mit Kunst, da diese im Kontrast zum vorhandenen historischen Bestand den Subtext unserer heutigen Zivilgesellschaft abbildet und in der freien Auseinandersetzung mit der Geschichte des Ortes diese in einem neuen, positiven Sinn fortschreibt. Erst die Kunst im Turm nimmt diesem endgültig seine immer noch spürbare, aggressive Macht. Aus diesem Grund darf das Projekt ‚Faktum Flakturm’ nicht an äußeren, bürokratischen Problemen scheitern.

Es bedeutet eine einmalige Chance für die Stadt Wien, die Flaktürme endlich als Zeugen einer finsteren Periode der Geschichte in die Gegenwart zu integrieren.

Faktum Flakturm

Ute Bauer

Valentina Cancelli (stellvertretende Obfrau)

Markus Hafner (Obmann)

Wolfgang Lamsa (historische Kommission)

Matthias Pfisterer (historische Kommission)

referenzen:

http://flakturm.net
http://www.kristallnacht.at/bisher.html
http://www.holocaust-education.de
http://on1.zkm.de/zkm/stories/storyReader$1662
http://www.gedenkdienst.org/english/index1.htm
http://www.museumcompetition.org/en/

 

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FAKTUM FLAKTURM
Verein zur Förderung interdisziplinärer Kunst und Kultur
im Flakleitturm Arenbergpark Wien 3